unbekanntes spüren ist schon komisch manchmal. nicht zu wissen, was mit mir los ist, verunsichert ungemein. aber es ist auch gleichzeitig eine einladung dazu, die kontrolle loszulassen. ich möchte aspekte dieses spürens teilen. ich mache das in form eines inneren dialogs zwischen einer lieben person von spürdasmal und mir/mio.


liebe person (lp): hallo eure durchlaucht, schön dass du hier bist.

mio: hallo liebe person, ich freue mich auch.

lp: ich möchte mal mir einer ganz allgemeinen frage beginnen. wie geht es dir?

mio: mir geht es ausgezeichnet und gleichzeitig so richtig dreckig wie noch nie im leben. wie geht es dir?

lp: mir geht’s gut. danke der nachfrage. magst du das genauer ausführen?

mio: gerne. naja, die frage “wie geht es dir?” kann auf mehrere arten beantwortet werden. das haben wir gerade gesehen. es gibt eine single choice ausführung und eine multiple choice ausführung. single choice wäre eine absolute, für den moment allgemeingültige antwort wie z.b. “gut” oder “geht so”. so wie du gerade geantwortet hast. eine multiple choice ausführung ist eine wie meine gerade eben. es werden dadurch mehrere aspekte im empfinden beleuchtet. diese aspekte können sich auch widersprechen und trotzdem sinn machen.

lp: ja, es ist durchaus möglich, mehrere empfindungen zu haben, die sich zu widersprechen scheinen. welche sind das bei dir?

mio: da ist eine tiefe freude darüber, dass ein fester boden unter den füßen spürbar ist. da ist eine sowohl rationale als auch emotionale sicherheit da, dass im grunde alles ok ist, wie es ist. da ist ein innerer frieden. da ist ein drang alle empfindungen zu genießen. auf der anderen seite — oder eigentlich auf der selben seite — tobt ein krieg. da ist hilflosigkeit, verweiflung, abhängigkeit, ausgeliefert sein. und hier ist der punkt: ich weiß nicht, worauf sich diese gefühle genau beziehen. das ausmaß ist mir unerklärlich und rätselhaft.

lp: was ist denn das ausmaß?

mio: ich hatte oft so viel angst vor anderen personen, dass ich mich nicht aus der wohnung getraut habe. ich habe keine entscheidungen mehr treffen wollen. ich habe versucht, meiner selbstgewählten arbeit nachzugehen, aber konnte nicht. ich habe alles einfach liegengelassen, über monate hinweg. ich war dadurch mit mit selbst und dem leben unzufrieden. ich fühlte mich leer und müde. ich schaffte es manchmal raus zu veranstaltungen oder seminaren, aber schaffte es dann emotional nicht, den raum oder das gebäude zu betreten. es war und ist ein riesen drama.

lp: woher glaubst du rührt das drama?

mio: ich bin getriggert durch einen aspekt der mit arbeit zu tun hat. genau kann ich es nicht sagen. es kommen gefühle hoch, für die ich keine sprache habe. und das ist frustrierend, wenn ich nicht einmal den finger draufsetzen oder formulieren kann, was hilfreich wäre. es ist ausschließlich ein trigger. die gefühle kommen von früher, vielleicht sogar generationen früher. ich glaube, dass verhaltensweisen oder persönliche grund-einstellungen non-verbal — also ohne dafür eine sprache zu haben — weitergegeben werden können. bottom line: ich weiß es nicht.

lp: und was weißt du?

mio: ich weiß dass dieses spüren einfach da ist und dass ich absolut nichts tun kann, um das zu verändern.

lp: das klingt nach einer erleichternden einsicht.

mio: absolut!

lp: wir von spürdasmal mögen es ja, zu spüren. magst du dein spüren teilen?

mio: na klaro. es ist ein dunkles, klebriges, lähmendes pflichtgefühl, das sich über die welt legt. ich bin gezwungen eine bestimmte art von person zu sein, aber ich schaffe das nie. ich muss dann so viele dinge erledingen, ganz schnell irgendwo hin, nur nicht hierbleiben. nicht unproduktiv sein, nicht nutzlos sein, nicht faul sein. dann sehe ich ganz viele lose, offene enden von dingen, die dann ein “zu erledigendes” sind. arbeit ist dann ein solches “zu erledigendes”. ich habe dann schwierigkeiten, meine vollbrachten aufgaben wertzuschätzen, fühle mich überfordert, angespannt, verliere den glauben an mich und die welt, habe das gefühl, dass es so viele probleme sind, dass es nicht schaffe, bin düster und traurig. alle aspekte der wahrnehmung sind dann damit gefärbt. es ist wie eine stille panik, ein konstantes, ängstliches hintergrundzittern. ich habe diese panik lange zeit für mein leben gehalten. irgendwann kulminierte diese panik in spontanem, täglichem, kläglichem weinen. das war dann wieder ein gefundenes futter für das pflichtgefühl, jetzt doch endlich mal standhaft und stark zu sein. dann war ich wieder unzufrieden und der kreislauf nährte sich von sich selbst.

lp: du spricht in der vergangenheit. hat sich jetzt irgendetwas verändert?

mio: ja und nein. es hat sich nichts verändert an der panik. sie ist nur etwas unwichtiger geworden, etwas weniger zentral. ich fahre jeden tag ins büro und habe fast jeden tag einen heulkrampf. was sich verändert hat, ist, dass die tränen nicht mehr bewertet werden. sie dürfen einfach sein. und es fühlt sich schön und erleichternd an, dass nach jahren des runterschluckens und stillen aushaltens nun endlich eine glasklare körperliche reaktion kommt. diese reaktion darf sein und braucht keine rechtfertigung.

lp: du hast vorhin gesagt, dass arbeit manchmal wie etwas zu erledigendes scheint. mir kommt da ein trauriges bild von arbeit. wie siehst du das?

mio: durchaus traurig. also, ich möchte ehrlich kein zu erledigendes sein. aber dann wiederum bin ich aufgewachsen mit dem stereotyp, dass weinen grundsätzlich etwas schmerzhaftes sei. etwas, das schnellstmöglich geholfen werden muss, oder wo etwas falsch läuft und richtig gebogen werden muss. das ist sicherlich auf einer ebene richtig, aber andererseits kann es als eine art egoistischer altruismus seitens der person, die trösten möchte, empfunden werden. auch wenn mir nach weinen ist, so drücke ich es weg, solange ich in einer anonymen oder semi-anonymen öffentlichkeit bin. ich habe angst, dass die leute um mich herum, die mich sehen, panisch werden und den krankenwagen rufen. dann würde ich mir vorkommen, wie ein zu erledigendes.

lp: auf sozialen medien hast du einige zeit lang regelmäßig selfies von deinem verweinten gesicht gepostet. hat das etwas damit zu tun?

mio: ja, das war notwenig um für mich selbst weinen zu normalisieren, zu kanalisieren und zu lernen damit umzugehen. dieser ausdruck wollte gesehen werden. ich selbst war nicht in der lage dazu. danke an alle, die mir zugesehen haben.

lp: jetzt komme ich zu meiner abschließenden frage. was hast du daraus gelernt?

mio: ich habe gelernt, dass ich strunzdumm bin.

lp: strunzdumm?

mio: ja, so doof wie brot ungefähr. das ist nicht abwertend gemeint. brot hat ja schon einiges drauf. zuerst ist es ein teig, dann fermentiert es, dann verändert es die struktur im ofen, und wenn es eine weile alleingelassen wird, dann schimmelt es. und das alles, ohne darüber nachzudenken! ich bin eigentlich noch dümmer, weil ich ganz oft denke, dass ich so schlau bin, dass ich durch denken probleme lösen kann. aber zehn sekunden später ist meine aufmerksamkeit wieder ganz woanders und ich habe sowohl die lösung als auch das problem selbst aus den augen verloren. brot macht das nicht. brot geht mit dem flow und fermentiert einfach. die einsicht, dass ich im grunde bin wie brot und dass das denken so ein optionales add-on ist, ist erleichternd. leben ist nicht das, was zwischen gebäranstalt und krematorium passiert, sondern immer das, was jetzt gerade in diesem moment passiert. auch das werde ich wegen dummheit in wenigen sekunden vergessen haben, aber dann ist eben ein neuer moment da.

lp: vielen dank für den inneren dialog, eure durchlaucht. oder sollte ich sagen: eure dooflaucht.

mio: haha. gerne.


ein wertvoller, weiterführender artikel zu lähmenden gefühlen, die als faulheit aufgefasst werden können:

Laziness Does Not Exist
But unseen barriers do. (Devon Price)


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Desperation and love.

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