Wenn das hier so real ist, wenn die Welt und alles was ich sehe, höre, rieche, schmecke und fühle so unglaublich real ist, und alles was wahrnehmbar und fühlbar ist, einfach weil es wahrnehmbar und fühlbar ist, dann stell ich mir die Frage, ob es irgendwelche Einschränkungen gibt dafür, zu sein, was ich bin. Und das klingt total komisch, weil es ist ja im Grunde nur logisch, anzunehmen, dass ich nur das sein kann, was ich tatsächlich bin. Aber es erscheint unglaublich schwierig, trotz der Logik.

Der Drang mich an irgendetwas anpassen zu müssen, um sein zu dürfen. Oder der Wunsch, mich ständig zu verbessern. Oder das Gefühl, mich zu schämen dafür was ich bin. Diese Lebensrealitäten sprechen der glasklaren Logik entgegen, dass ich einfach nur das sein kann was ich bin.

Aber nach der glasklaren Logik heißt das im Klartext, dass es nichts gibt, von dem ich sagen kann, dass es nicht sein darf. Ganz einfach, weil es nicht funktionieren würde. Das würde ja schon rein logisch die Existenz der Entität, die verneint werden soll, bestätigen. Es wäre als würde ich nur das Minus sehen und unterschlagen, dass es Plus gibt.

Im Grunde ist es total logisch, dass sich alle Eindrücke und Wahrnehmungen dahingehend definieren, dass sie nur das sein können, was sie nicht nicht sind. Also, ein Fahrrad ist nur deshalb ein Fahrrad, weil es mit allen Nicht-Fahrrädern im Kontrast steht. Für die Existenz von Dingen gibt es nur die Erklärung: Nichts kann nichts enthalten. Überhaupt gar nichts. Wenn Fahrräder sich einzig über alle Nicht-Fahrräder definieren, dann ist die Kategorie “Fahrrad” eindeutig leer; sie enthält nichts anderes als Nicht-Fahrräder. Das ist eine wahrnehmbare Realität, die aber die Wurzel der Realität an sich als etwas völlig anderes darstellt, nämlich als leer.

Das bedeutet aber nicht, dass es keine Dinge gibt. Denn es gibt ja offensichtlich Fahrräder. Leute benutzen sie, um zum Bahnhof zu fahren. Da braucht es keinen Faktencheck.

Worauf ich hinaus möchte ist dies: Ich kann nichts daran festmachen, und keine Gründe finden dafür, dass etwas so ist, was ich sehe. Jedes Abstreiten oder jedes Verändern-Wollen einer Wahrnehmung liegt derselben Wahrnehmung zu Grunde. Zu sagen, dass ich oder etwas anderes nicht so sein dürfe, oder dass es sich verändern müsse, ist, als würde ich ständig etwas dazutun oder wegnehmen wollen von dem was da ist. Und das ist so eine Art Hobby: Entweder sehe ich nur das Minus und unterschlage das Plus, oder andersherum.

Aber der Punkt ist: Das emotionsmäßige oder körperliche Einsehen, dass das Dazutunwollen und Wegnehmenwollen von Dingen (die so sind wie sie sind) irgendwie anstrengend ist und Energie kosten kann, ist etwas, das in einer anderen Wahrnehmung der Welt nicht sichtbar ist. Was sich Menschen antun, einfach nur um zu existieren, oder um das Gefühl zu bekommen, dass sie existieren dürfen, kann nicht unterschätzt werden. Es ist nichts, was mal eben so aufflackert und ich dann sagen könnte, es sei Depression oder Sterbefantasien; oder ständig alles zerstören und neu aufbauen zu wollen. Das kein kleines Ding. Das ist der grundlegende Existenzkampf in der Kultur, aus der ich gewachsen bin.

Und dieser Kampf bin ich.

…wenn ich möchte…

Mit anderen Worten: Es ist nicht möglich, eine Situation verändern oder Missstände bekämpfen zu wollen, denn genau dieses bringt die Situation und den Missstand hervor. Wenn ich nur das Plus sehe, dass ich etwas verbessern oder bekämpfen möchte, dann sehe ich nicht das Minus: Das, was ich verbessern oder bekämpfe ist einzig und allein nur da, weil ich es verbessere oder bekämpfe. Die Einsicht kommt nicht leicht, weil sie nicht im Bereich des Rationalen stattfindet; Aber sie dennoch völlig logisch.

Somit kann ich schlussfolgern, so wie Wittgenstein (im letzten Satz des Tractatus Logico-Philosophicus) einst gesagt:

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Und es ist eine logische Schlussfolgerung. Sie annulliert den ganzen Tractatus, mit einem letzten kleinen Satz. Natürlich können wir nicht darüber sprechen, wofür es keine Worte gibt. Es gibt ja auch verdammt viele Dinge, für die es keine Worte gibt. Aber trotzdem könnte ich sie als “Ding” oder “Phänomen” oder “Göttïn” bezeichnen und sie somit irgendwo einordnen. Das ist eine Art von Vermessung. Umso mehr ich messe, die Welt für mich vermesse, sie einordne und vergleichbar mache zu anderen Dingen, in dem Moment fängt ein Spiel an, das zu einer Art Sucht wird; dass ich immerzu Sachen einordnen möchte, weil ich dann Dinge vorausahnen kann und sie mir Sicherheit geben, darüber was passieren könnte. Umso mehr ich den Glauben habe, dass das funktioniert, desto mehr mache ich das auch. Denn es ist ja eine sehr reale Lebensrealität, in der Personen sich als Opfer fühlen und etwas bekämpfen möchten. Oder sich unpassend finden und sich anpassen möchten. Oder allgemein der Gedanke, sich verbessern zu wollen, und sich dadurch schon von Vornherein auf eine tiefere Stufe stellen als das, was sie sind. Das passiert freiwillig; aber wenn ich mich in der Situation sehe, dass ich unpassend, dann stelle ich mich freiwillig auf eine tiefere Stufe, als das was ich eigentlich bin. Dasselbe passiert, wenn ich glaube, mich verbessert zu haben, und dann stolz darauf bin, besser zu sein als das Parallel-Ich, dessen Existenz ich damit aufrufe. Dann stelle ich mich auf eine höhere Stufe.

Es passiert freiwillig, aber das ist mir im Moment des Mich-Verbessern-Wollens nicht klar. Dann ist das eine Art “Krankheit des Geistes”, in der der Drang nach besser, schneller, schöner nicht als Problem gesehen wird, sondern als Möglichkeit, sich tatsächlich zu verbessern; als Möglichkeit gesehen wird, am Ende als etwas Besseres herauszukommen als jetzt oder vorher. Dann besteht die Illusion, dass stolz darauf sein kann, welche Entscheidungen ich getroffen habe, und dass ich wissen könne, was gut und nicht gut für mich ist aus der Vergangenheit; weil ich es scheiße fand, dass ich die falschen Entscheidungen getroffen habe und daran geglaubt habe, dass es meine Entscheidungen waren. Mich scheiße finde oder stolz auf mich sein; das sind im Grunde dieselbe Sache, nur eins in grün, das andere in blau. Mich selbst zu lieben und mich zu hassen sind im Grunde ein und dieselbe Sache, denn sie können nur miteinander existieren.

Das ist irgendwie traurig, nicht? Es ist als könne ich nichts tun, um aus diesem Karussell zu kommen. Wenn ich lange genug im Karussell war, dann sehe ich nicht, dass ich mich bewege, und zwar im Kreis. Jeder Versuch, auszusteigen, beruht auf Karussell-Logik. Wenn fest davon überzeugt bin, dass das Karussell mein Problem ist und es beenden muss, dann bin immer noch im selbem Karussell. Der Gedanke, dass ich das Karussell bin, passt nicht ins Karussell.

Ich kann also nicht einmal stolz sein auf die ganzen Kategorien, in denen ich mich mal vermessen habe; zu denen ich mich zugehörig fühlte, wo ich mich hörig gemacht habe. Ein allgegenwärtiges Bild vom mir zu haben, das ist am Ende kein gutes Gefühl. Sobald ich fest von mir glaube, dass es ein Bild gibt, das mich als Person als Konstante beschreibt, dann ist es schon passé. Und dann bin ich immer damit beschäftigt, dieses Bild von mir aufrecht zu erhalten; oder neu zu generieren, oder neu zu starten; und dann immer zu denken, es sei mein Fehler, wenn es nicht richtig passiert ist, wenn ich es nicht geschafft habe, mein Leben zu verbessern. Und es dann nochmal zu versuchen.

Ich kann mich nicht verändern. Ich verändere mich automatisch. Ich wachse, schrumpfe, bin mal satt, mal hab ich Hunger, mal fahre ich Fahrrad, mal fahre ich Nicht-Fahrrad. Ich kann es schade finden, dass der Sommer vorbei ist und es jetzt Herbst ist. Ich muss mir im Klaren darüber sein, dass es jetzt Herbst ist, und alles was ich denke, fühle, sehe, erlebe, mich erinnere im Herbst stattfindet. Auch das Karussell, das ich bin, dreht sich im Herbst.

Gibt es Einschränkungen dafür, das zu sein, was ich bin? Genauso wie ein Fahrrad sich einzig und allein über alles definiert, was es nicht ist, so definiert sich Dazu-und-Wegnehmen-Wollen darüber, was es nicht sind; nämlich so zu sein, wie ich bin. Aber genauso, wie oben nicht ohne unten auskommt, Plus nicht ohne Minus, links nicht ohne rechts, Fahrrad nicht ohne Nicht-Fahrrad, so kommt Verbesserung nicht ohne Verschlechterung aus. Es ist gesellschaftliche Normalität, dagegen anzukämpfen. Mir wird eingebläut, dass die Gesellschaft sich fortwährend verbessert hat und dass sie sich weiter verbessert. Und mir wird eingebläut, dass das meine Existenzgrundlage ist, und mein Sein ohne diesen Kampf sinnlos sei. Die einzige Möglichkeit, aus diesem zermürbenden Kampf auszusteigen, sei Suizid.

Wenn ich fortwährend so tu, als ob es nur oben gebe, nur besser, nur schöner, nur effizienter, dann lüge ich mir eins in die Tasche. Es ist so als würde ich so tun als könne ein Baum nur grüne Blätter tragen. Das funktioniert so lange es Sommer ist; aber diese Tatsache ignoriere ich, weil sie mir unangenehm ist. Wenn es dann doch Herbst wird, bin ich zutiefst enttäuscht und frustriert, dass die Blätter nicht mehr grün sind. Und vielleicht denke ich sogar es sei ganz allein mein Versagen, dass ich die Blätter nicht grün halten konnte. Wenn ich immerzu Gutes tun möchte, dann muss ich mich zwangsläufig mit Schlechtem beschäftigen. Wenn ich konstant schön bleiben möchte, dann muss ich zwangsläufig auch wissen und sehen, was hässlich ist. Die Einschränkung, so sein zu dürfen, wie ich bin, ist nichts anderes als der Wunsch anders sein zu wollen.

In Wirklichkeit sind Dinge kreisförmig. Die Uhr dreht sich im Kreis. Es wird Tag und Nacht und wieder Tag. Ich habe Hunger, esse, und später habe ich wieder Hunger. Ich bin müde, schlafe, wache auf und werde wieder müde. Aus einem Samen wächst ein Baum, der Samen abwirft. Das Huhn legt ein Ei, woraus ein Huhn wird. Ich atme aus, ich atme ein. Obwohl ich weiß, dass es unmöglich ist, nur einzuatmen, nur wach zu sein, nur Tag zu haben, scheint die Einseitigkeit, nur Plus haben zu wollen, der Grundtonus der Gesellschaft zu sein, aus der ich gewachsen bin. Ich sage “gewachsen”, weil ich, genau wie der Baum und der Samen, Teil dieses Kreislaufes bin.

Alles, was ich sage, denke und mache ist zwangsläufig Teil des Ganzen. Wie sollte es sonst sein? Die Alternative ist, dass ich mich als separat von allem und allen sehe, und um mein überleben kämpfen muss; mich verbessern muss; nicht so bleiben darf; nicht stehenbleiben darf.

Und das ist schlicht und ergreifend Unsinn.

Was ich sehe, schmecke, sehe, rieche, fühle ist real. Das ist Sinn!