in einer entkörperten kultur ist es ganz besonders skandalös, ohne grund körperlich zu sein, den körper zu zeigen, zu bewegen, zu tanzen, zu gestikulieren, zu kacken. der körper ist etwas unreines, dreckiges, das ich am liebsten ignoriere. körperliche bedürfnisse wie klogang und essen sind eine last, weil da keine effizienz ist. essen führt zu klogang führt zu hunger führt zu essen. es führt zu nichts. der wunsch, mich voll und ganz zu entkörpern ist stark. diesen geruch wegkriegen mit deo.

ich will dass ich so eine art microchip bin, der mit dem körper nichts zu tun hat, außer, dass der microchip den körper unter kontrolle hat und steuert. der körper hängt da einfach so dran, so als notweniges übel. mein freier wille ist alles was zählt, mein kontinuierlicher, endloser, freier wille. mein freier wille, meine präferenzen, was ich nicht mag, was ich haben will, was ich nicht haben will, was mich definiert. deswegen ist es wichtig mit dem freien willen.

ich will mich versprachlichen. mein persönliches ich-erlebnis einzig und allein auf sprachlich generierte überschneidungen von sozialen kategorien begrenzen. ein versprachlichtes bild von mir haben und das aufrecht erhalten. nichts besonderes sein, einfach normal sein und in der masse der anderen microchips untergehen. ohne dialekt, ohne gesicht, ohne gestikulation, ohne geruch, ohne stereotypen. einfach ohne alles. eine hülle will ich sein. eine leere hülle.

alles was ich bin und was ich nicht sein möchte muss ich immer wieder sprachlich proklamieren, dass es real bleibt. das was ich habe und bin soll das bleiben was ich habe und bin. nullen uns einsen, wie ein speichermedium. ein text möchte ich sein in dieser kultur. buchstaben die aus dem nichts kommen, sich zu wörtern uns sätzen zusammenfügen, grammatisch sind und sinn ergeben. zusammen einen sinn machen. durch die lesung und beobachtung anderer erst überhaupt eine bedeutung haben. durch die bedeutung will ich mich sehen. durch das, was herauskommt, wenn ich mich immer wieder mit mir selbst multipliziere. ohne anfang und ohne ende.

wenn ich herausfinde, dass sprache körper ist und körper sprache, ist alle vorbei. wenn ich herausfinde, dass sprache nichts anderes ist als bewegung des körpers, fliegt meine persona auf. sprache muss extra sein, etwas anderes als dieser stinkende körper. sprache ist das, was mich als microchip definiert, denn sprache ist das, womit ich mich definiere. ich will unter keinen umständen als affe oder neandertaler:in eingelesen werden. ich bin etwas besseres, etwas entwickelteres. ich bin die leere hülle, die sich mit sprache befüllt. ich bin teil dieses stolzen konstrukts, das sich die welt zu eigen machen kann, weil ich nicht teil der welt bin. die welt ist außen, und ich bin innen. die welt, das sind formen und farben, wege und landschaften; und ich bin das, was formen und farben wahrnimmt, wege und landschaften benennt und einteilt.

formen und farben existieren separat von mir. das muss so sein, denn sonst könnte ich sie nicht benennen. wohnung und körper existieren separat von mir, denn sonst könnte ich sie nicht besitzen. wochen und monate existieren separat von mir, denn sonst könnte ich zeit nicht nutzen. es darf nicht auffliegen, dass ich hier ein spiel spiele, das sprachlich konstruiert ist. ich darf mich nicht wissen und fühlen lassen, dass formen und farben nur durch meine unterscheidung überhaupt existieren; dass wohnung und körper nichts anderes sind als schachfiguren; dass wochen und monate nur existieren, wenn ich zeit als etwas auffasse, das vergeht und mir entwischt.

lass mich in diesem spiel sein. es ist mein spiel. ich möchte es gut und effizient spielen. ich möchte gelobt werden und mich selbst loben. ich möchte diese schachfigurperson spielen und gewinnen. voll und ganz entkörpert, voll und ganz versprachlicht. ich möchte mich messen können. nur so existiere ich. im spiel, das kein spiel sein darf, weil es der ernst des lebens ist.

wenn ich aufwache, ist alles vorbei.
wenn ich aufwache, gibt es keinen microchip, keine verkörperung, keine entkörperung. körper, farben, formen, wege und landschaften sind geistesblitze, die auftauchen und verschwinden. will-behalten und will-loswerden sind plus und minus, die sich gegenseitig auslöschen.

wenn ich keinen widerstand leisten würde, würde ich sehen, dass ich nichts sehe;
würde verstehen, dass ich nichts verstehe. ich würde sehen, dass jede form des sehens und verstehens ein endloses spiel mit mir selbst ist. wenn ich keinen widerstand leisten würde, würde ich aufhören zu existieren.

und das könnte ich mir beim besten willen nicht vorstellen.


Die Illustration ist von Wikimedia Commons; die Originaldatei ist hier.