ich hab keine zeit. ich muss mir zeit nehmen. für mich selbst. zeit nehmen für andere dinge. zeit begreifen. zeit vergeht. die uhr tickt.

zeit scheint immer etwas zu sein, das ultimativ real ist. etwas, das es immer schon gegeben hat und immer geben wird. etwas, das das universum im tiefsten definiert. zeit hat auch einen anfang in diesem mythos, nämlich den urknall. und davor gab es kein davor und danach. der urknall sprengt die regeln der zeit.

zeit ist auch relativ. mal vergeht eine stunde wie im flug, und mal ist sie zäh und muss mühsam durchkaut werden. relativistisch gesagt: für dinge, die sich bewegen, die beschleunigt werden, vergeht die zeit langsamer. zeit ist gekoppelt mit gravitation. zugespitzt gesagt vergeht die zeit auf der zugspitze langsamer als auf dem meeresboden. das ist nachweisbar, aber nicht so relevant. die absolute sekundenzeit scheint echter und relevanter. zeit ist so real, wir können sie so genau messen. wie können zeit so unglaublich genau messen.

was bedeutet das eigentlich, zeit zu messen? voran machen wir zeit fest? gibt es eine art urmeter für zeit? der urmeter wurde arbiträr festgelegt, das heißt, eine person hat gesagt “von hier bis hier ist jetzt meter”, und von diesem maß können wir jetzt, wenn wir wollen, ausgehen. einfach sodass wir ein gemeinsames maß haben. und so haben wir uns darauf geeinigt, dass das das maß der dinge ist. deswegen sprechen wir vom meter als einheit.

in der neuzeit hat sich die definition von zeit einige male geändert, als klar wurde, dass zeit nicht absolut, sondern relativ ist, und nicht so einfach festgehalten werden kann. zeit ist jetzt definiert gekoppelt an die halbwertszeit eines atoms. das ist – parallel zum urmeter – die ursekunde. es wird nicht bewusst mit dem täglichen auf die uhr schauen und temineplanen, dass zeit etwas ist, wonach wir uns freiwillig richten. wir müssen sogar einen großen aufwand betreiben, damit die definition von zeit mit unseren erwartungen an den zeitbegriff übereinstimmt.

jetzt könnte ich sagen, dass vögel und andere tiere sich auch nach der zeit richten. sie schlafen nachts und wachen tagsüber. sie richten sich doch danach, also ist ihr verhalten gekennzeichnet dadurch, dass sie dem tag- und nachtrhyrhmus unterliegen. man könnte sagen, dass die vögel beherrscht werdem vom rhythmus der zeit. dabei wird vergessen, dass der rhythmus der zeit nicht vorher da war als die tiere. der rhythmus der tiere und der tag- und nachtrhythmus entstehen gleichzeitig.

in der menschlich-sprachlichen welt ist es ganz, ganz einfach, das zu vergessen. wir denken so stark daran, dass zeit etwas bereits festgelegtes ist, dass es zeit schon gab bevor es uns gab (wer auch immer dieses wir ist). auf jeden fall kann ich getrost sagen, dass zeit etwas ist, was es schon vor meiner geburt gab; also vor einer zeit, wo es (für mich) keine zeit gab. auch da gab es schon zeit, so nehme ich an. ich projiziere also den zeitstrahl vor meine geburt und nach meinem tod. und die welt geht einfach so weiter, in der zeit. das ist ein extrem kleinmachendes gefühl, dass das was ich bin nur ein kurzes aufblitzen ist im unendlich scheinenden zeitstrahl des universums. diese illusion bringt auch mit sich, dass ich von zeit getrieben werde, da zeit etwas ist, das über mir steht und dem ich untergeordnet bin.

drehen wir mal das rad der zeit zurück und sehen wie sich zeit entwickelt hat. ganz früher gab es sonnenuhren. zeit war also einfach der schatten, den das sonnenlicht wirft. eigentlich wirft das sonnenlicht weder schatten noch licht, sondern der schatten und das licht entstehen gleichzeitig, abhängig voneinander. der schatten bewegt sich über den tag hinweg, und so entsteht der eindruck, dass die bewegung des schattens messbar ist. diese messung ist zeit. das, was sich auf dem boden bewegt, der schatten eines objektes, ist zeit. wenn ich diese bewegung abstrahiere, habe ich eine mechanische uhr und kann das genau nachbilden. ich kann einen snapshot von der bewegung machen, die sonst nur zwischen sonnenauf- und untergang passiert. mechanische uhren waren nicht genau. sie simulierten den lauf der sonne nur, aber nur annähernd. aber sie mussten auch nicht genau sein. genau so wenig waren die stundeneinteilungen im römischen reich genau. die zehn stunden, in den der tag aufgeteilt wurde zwischen sonnenauf- und untergang, waren im winter und im sommer unterschiedlich lang: im sommer war eine stunde länger als im winter. das war auch nicht weiterhin relevant, denn man hatte zeit, und zwar gerade durch die ungenauigkeit. weil es keine genaue zeitemulation gab, konnte ich sagen “treffen wir uns zur dritten stunde” und dann wartete ich eben eine weile. so ungefähr nach gefühl. die zeituhren gingen nicht alle gleich. man hatte zeit.

mit der mechanischen uhr wurde die zeit genauer, aber ich musste sie doch ab und ab nachstellen. wenn die kirchenglocke läutete, wusste ich, dass es mittag war. ich konnte dann meine eigene uhr der kirchenglocke anpassen und weiß: dadurch dass ich sie anpasse und dadurch, dass ich annehme, dass alle anderen auch ihre uhren anpassen, habe ich eine genaue uhrzeit. genau hier meint nicht, dass die uhrzeit mit etwas absolutem übereinstimmt, denn jede kirchenuhr geht anders und muss auch ab und an justiert werden. genau heißt einfach nur, dass ich annehmen kann, dass andere personen dasselbe verstehen, wenn ich “um drei” sage. ich kann zeit also genauer kommunizieren, über dieses maß der dinge namens kirchenglocke. wenn die individuellen mechanischen uhren papiergeld sind, dann ist die kirchenglocke der gegenwert in gold. zeit und geld funktionieren nur so, wenn ich daran glaube, dass andere daran glauben.

mit der abstraktion davon, dass zeit eigentlich nur sonnenauf- und untergang bedeutet, und weitergedacht auch die jahreszeiten und immer weiter in die vergangenheit und zukunft projiziert wird, zeit scheint etwas zu sein, dass es unabhängig von mir gibt und das ich benutzen kann. etwas, das auf jeden fall da ist. und ich habe einfach nur vergessen, dass zeit etwas abtrahiertes ist, wonach ich mich aktiv und freiwillig richte. im alltäglichen denken bin ich jedoch der zeit ausgeliefert. ich habe das gefühl, dass zeit “mir passiert” oder “mir davonläuft.”

zeit ist aber etwas viel simpleres und grundlegendes. im grunde ist zeit einfach nur das, was in jeder bewegung und veränderung wahrnehmbar ist. ohne den begriff der zeit gäbe es keinen vergleich zwischen vorher und nacher und keine information darüber ob sich etwas bewegt hat oder nicht. ich könnte keine unterscheidung machen zwischen lebendem und nicht lebendem, wenn es keine zeit gäbe, mit der sich dinge bewegen können. dadurch, dass sich nichts bewegt, gäbe es auch die drei raumdimensionen nicht. ich kann keine raumdimensionen festmachen, wenn ich mich nicht bewege.

was ist also, wenn ich zeit völlig links liegen lasse? und einfach nur die zeit wahrnehme, die da ist? dass sich dinge bewegen, dass es tag und nacht wird, dass es mal windig, mal nicht windig ist, dieser kontrast allein ist bereits zeit. ohne den zeitgedanken, ohne vorher-nachher lassen sich keine dualitäten aufweisen. die tatsache also, dass ich ich bin und du du bist, beruht einzig und allein darauf, dass es das konzept von zeit miteinbegreift. und das hat nichts zu tun mit dem konzept von zeit, das wir in einer menschlich-sprachlichen welt festgelegt haben, von der wir ausgehen, dass sie auch ohne uns existiert, und dass wir gegen sie kämpfen. zeit passiert auch ohne uns, im sinne dass wir sie nicht messen müssen. im gegenteil, du und ich sind aus der zeit gewachsen.

jedes aufstellen von plänen, vorstellen, fantasieren, erinnern, aber-wenn-denken, hätte-hätte-fahradkette-denken, paralleluniversen aufbauen, all das passiert durch und mit zeit. das gefühl von ich-sein, was mich ausmacht, wer ich bin als person, welche rolle ich spiele, ist auch zeit. das empfinden von zeit als stressig und zeit als gleitend ist auch zeit. je nachdem wie ich zeit begreife, bin ich selbst auch anders.

leben ist zeit. diese zeit kann nicht besessen werden. ich kann diese zeit nicht haben, ich kann sie nirgendwo hernehmen, ich kann sie also auch nicht verschwenden. zeit kommt nicht, wenn ich nach ihr rufe, und verschwindet nicht, wenn die mir davonläuft. zeit geht nicht langsamer, wenn ich mich beeile, und geht nicht schneller, wenn ich warte. zeit ist tun und tun ist zeit. tun ist zeit und nichts tun ist zeit. ein buch lesen ist zeit. ein wort lesen ist zeit. einen buchstaben sehen und empfinden ist zeit. die unbändigbare illusion, die von sich aus hin- und herspringt, ist zeit.


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