Als ich mich dazu entschloss, mich umzubringen, war es eine Art von Offenbarung. Alle Probleme waren gelöst. Habt Ihr nie daran gedacht, Euch umzubringen? Es ist eine Offenbarung – seid ehrlich. Bis vor einem Moment schleppt sich alles Straßen entlang, die keinen Sinn ergeben, und die Zukunft ist wie ein düsterer Nebel aus unendlichen Verpflichtungen, aus Bedrohungen wie Gewitterwolken, mit Blitz und Donner, mit Lava. Die Gegenwart drückt auf Euch ein wie ein zu tiefes Dach, und der Schatten sieht Euch traurig an aus den dunklen Winkeln der Landwege. Aber sobald Ihr endlich daran denkt, sobald Ihr diese zündende Idee habt – Zack! Alles löst sich auf, wie der Schwerthieb mit dem Alexander den gordischen Knoten durchschlug.

Plötzlich macht die Realität weit auf, zu Eurem Aufatmen, und Ihr könnt nach vorne sehen. Die Aussicht in klar und wolkenlos. Ihr seid frei! Alles was zählt ist auf einmal nur ein Kinderspiel: Na klar, Ihr bringt Euch ja auch bald um! Die Zeit wird jetzt wichtig und die Hindernisse entpuppen sich als Spiele. Was kümmert es Euch, dass Ihr nächstes Jahr arbeitslos sein werdet? Was kümmert es euch zwanzig zu sein und noch nie geknutscht zu haben, dreißig und keinen Uni-Abschluss zu haben, vierzig und nicht verheiratet zu sein, fünfzig und keine Kinder zu haben, sechzig und nicht dieses eine Buch geschrieben zu haben? Was kümmert es Euch, wenn Ihr genau wisst, dass Ihr bald – morgen vielleicht, oder in einer Woche, oder in zwei, aber aller spätestens in drei Monaten – ausgecheckt haben werdet, Ihr Euch einen Dreck schert und jedes Problem verschwunden sein wird wie die Gischt der Wellen, die an die Klippe schlagen, wie Zigarettenrauch der frei in den Frühlingshimmel schwebt. Der Gedanke ist so befreiend, so vereinfachend, dass plötzlich alles frei und einfach ist.

Natürlich bedarf es einer gewissen Anpassung der eigenen Perspektiven um diesen anmutigen Zustand des Wohlbefindens zu erreichen, der die angebliche Freiheit der Reichen und Erfolgreichen und die jeder anderen beliebigen Person auf diesem Planeten um Längen übertrifft: Zu erst einmal dürft Ihr nicht an ein Jenseits glauben, andernfalls würdet Ihr sofort wieder anfangen, Euch Sorgen zu machen darüber, was danach wohl passieren könnte – wen Ihr dort wohl vorfinden werdet, wie Euer unangekündigter Besuch aufgenommen wird, und ob Ihr in einen Feuerabgrund oder in eine langweilige, pseudointellektuelle Vorhölle verdonnert werdet. Dann wiederum ist es sehr wichtig, dass Ihr eine radikal-relativistische Perspektive gegenüber der Welt einnehmt: sobald der Tod die dauerhafte Unterbrechung aller Gedanken und aller Empfindungen bedeutet, ist der Tod eines Individuums gleichbedeutend mit dem Ende der Welt: demzufolge ist Euer Tod gleichbedeutend mit der Auslöschung des Universums. Deswegen wäre es lächerlich solchen kindischen Gedanken anzuhaften – wie sie Euch wohl nachweinen werden, wie sie wohl an Eurer Beerdigung weinen werden und wie sie verstehen werden, dass sie etwas falsch gemacht haben – wenn Ihr tot seid, denn Ihr werdet eben tot sein und nicht an diesen wunderschönen Dingen teilhaben können. Für Euch wird es sie nicht geben, Ihr müsst Euch im Klaren darüber sein, dass es für Euch nach dem letzten Hieb gar nichts geben wird, weder Lobesreden noch Ex-Verlobte im Tod.

Auf gleiche Weise macht es, aus rein logischen Gründen, wenig Sinn, sich über Leute Gedanken zu machen, die geschockt und erschüttert zurückbleiben von Eurem überraschenden Befreiungsakt: Es wäre sinnlos, an die Reaktion von Freunden, Eltern, Kollegen zu denken, oder allein schon an die unschuldige Passantin, der Euch sieht, wie Ihr vom fünften Stock aus mit Vollgas auf den Asphalt zukommt, oder an den Busfahrer, der umschulen muss, nachdem er bei Eurem Projekt mitgeholfen hat. Ihr müsst klar sein und ehrlich: Die Welt wird mit Euch zu Ende gehen. Und welch Wunder, dass die Welt zu Ende geht! All die Dinge, die Euch anregen, Euch zur Last fallen, werden verschwinden. Ihr werdet nicht da sein, um daran Vergnügen zu finden; das haben wir ja so gesagt. Der Kernpunkt unserer Überlegungen ist nicht, am Tod Vergnügen zu finden, denn der Tod ist Eure Abwesenheit. Der Kernpunkt ist es, am Leben vor dem Tod Vergnügen zu finden.

Wenn Ihr wisst, dass Ihr in zwei Wochen sterben werdet, das ist Freiheit! Was kümmert Euch noch die Steuer, die Massen, die Verpflichtungen auf Arbeit, die Miete, das Geld, die Investitionen die sich nicht auszahlen, die humanitären und finanzlichen Probleme, die Einsamkeit, die Trauer, Euer ununterbrochenes Unangemessensein, für das Ihr Euch schämt? Was kümmert Euch noch die Unhöflichkeit, die Pöbelei, der Zorn, die Krawalle? Was kümmert Euch die Ungewissheit der Zukunft, die Gefahr, dieses oder jenes zu verlieren, die Zeit die sich zuschnürt, das Machen-Müssen von diesem und jenem – eine Liebschaft finden oder eine Richtung, auf Familie setzen oder Eure Leidenschaft verwirklichen? Dieser ganze Druck, der Tag für Tag brutal zunimmt, mit einem Mal – puff! – verschwunden, und Ihr seid erleichtert, Ihr fühlt Euch frei und geschwind wie ein Luftballon, der aus der Tiefe an die sonnige Oberfläche aufsteigt, um sich dann in der Himmelsberührung zu verlieren.

Ihr geht abends schlafen. Eure Probleme beugen sich zu Euch herab wie Dämonen mit roten Augen. Verlegenheit, Angst, unmögliche Entscheidungen und Vergleiche aus denen Ihr unterlegen hervorgeht. Aber dieses Mal habt Ihr ein Ass im Ärmel – ein Joker, an dem sich alle die Zähne ausbeißen: Ihr bringt Euch um. Macht die Augen zu und beginnt zu träumen. Es ist nicht einfach, den Tod zu träumen. Ihr stellt Euch die Tat vor. Ganz oben auf einem riesigen Palast stehend, oder in einem Sessel mit einer Spritze am Arm. Es ist aber nicht dieser Moment von dem Ihr träumen solltet, sondern von den Tagen davor.

Wie Ihr in voller Freude leben werdet, in einem Wohlsein ohne Hindernis, unwiderruflich und verbindlich, dass Ihr in drei Tagen sterben werdet. Und dann wird nichts mehr Sinn ergeben! Die Zukunft wird es nicht mehr geben, die Vergangenheit wird witzlos sein mit ihren Vorwürfen und ihren Hinterhalten, und alle Dinge werden einzig in der Gegenwart sein. Die Dinge werden einfach und schön ein, wie weiße Wolken die auf Blau segeln, getrieben von einem Sonnenstrom.


Verfasst durch Yuri Bizzoni.
Übertragung aus dem Italienischen durch Spürdasmal.
Titelbild: unbekannt.