Eins

Es ist viel zu einfach, viel zu simpel. Das kann nicht sein. Da muss es etwas geben mit Konsistenz, mit Kontinuität, mit echtem Inhalt, mit Materie. Ich kann mich nicht einfach zurücklehnen und die Beine ausstrecken, nein, nein. Da gibt es noch etwas zu tun. Es ist noch nicht fertig, noch nicht ausgegoren, noch nicht richtig. Da gibt es so viel zu analysieren und auseinanderzunehmen. Zweiteilen, dreiteilen, vervielfachteilen muss ich es in die Grundkomponenten. Wenn ich die Grundkomponenten gefunden habe, dann und erst dann kann ich Ruhe finden und endlich tun und lassen, was ich möchte. So schnell geht das aber leider nicht: Es gibt viel zu tun. Die Grundessenz des Lebens, der Existenz sind vielschichtig. Das menschliche Gehirn ist kompliziert, nicht mal die Wissenschaft weiß da hundertprozentig Bescheid.

Diese Analyse und Ausarbeitung der Grundkomponenten hat uns weit gebracht. Zum Beispiel die Waschmaschine. Stell dir vor, wir würden immer noch mit Waschbrettern am Fluss knien und unsere Wäsche dort machen. Wie Rückständig! Stell dir vor, wir würden immer noch Zahnschmerzen beseitigen indem wir ohne Betäubung die Zähne ziehen. Wie schmerzhaft! Die Kultur und Zivilisation haben da schon gut gearbeitet vor mir, und dafür bin ich dankbar, denn sie ersparen mir viel Mühe und Schmerz, wenn ich es vergleiche. Genau auf diesem Wege müssen wir fortfahren. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Neu muss es werden und das Alte muss raus. So ist es immer schon gewesen.

So simpel kann es also nicht sein. Guck mal, es gibt so viele Probleme in der Welt, so viel Ungerechtigkeit und so viel Scheren zwischen arm und reich, dick und dürr, Frau und Mann. Die Scheren gehen immer weiter auf ins Ungewisse, wenn wir jetzt nicht einschreiten und endlich etwas tun. Guck mal, wir können da doch nicht tatenlos zusehen! Wir müssen dafür einstehen, dass wir Dinge besser machen, für alle auf der Welt. Dinge praktischer machen, schmerzloser machen und effizienter.

Verstehst Du nicht, dass ich einfach diesen Standpunkt vertrete? Was ist so falsch daran, einen guten Willen zu haben? Es gibt genug Menschen, die keinen guten Willen haben, sondern gewissenlos die Umwelt zerstören, Kriege machen und Batterien in den Restmüll schmeißen. Da ist es wichtig, dass wenigstens ich dagegenwirke. Und damit, und davon bin ich überzeugt, bin ich auf dem richtigen Dampfer, während andere auf dem Holzweg sind.

Also, so einfach kann es nicht sein. Wenn Menschen einfach nur ihren Bedürfnissen folgen würden, dann wären wir wieder im Mittelalter wo alle sich die Köpfe einschlagen, oder noch schlimmer, im Kleinkindalter, wo alle mit Staub vom Boden auflutschen und mit ihren Ausscheidungen spielen. Es gibt gewisse Regeln, denen wir folgen sollten. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns Gedanken machen darüber, was am besten für alle ist. Weder Gewalt noch kindliche Bedürfnisbefriedigung sind hier die richtige Lösung. Es muss ausgelotet, ausgehandelt, abgewogen und diskutiert werden.

Wir sind schließlich Menschen, intelligente Wesen und wir haben Sprache. Wir sind keine Tiere, die primitiverweise einfach essen wenn sie Hunger haben und schlafen wenn sie müde sind. Wir sind keine Urmenschen, die in Höhlen leben und Bisons jagen. Durch die Sprache und Intelligenz haben wir es weit gebracht, und diese Entwicklung kann nicht fortgesetzt werden, wenn alle tun was sie wollen. Wir müssen denen, die Unruhe stiften, schon ein wenig Einhalt gebieten und Gesetze und Regeln schaffen für ein gutes Miteinander. Wo kämen wir hin? Was wäre das für eine chaotische Welt, in der alles so einfach und simpel ist?

Zwei

Können wir nicht einfach mal alle zusammen an einem Strang ziehen und zusammenhalten? Können wir nicht einfach wie eine große Familie zusammenleben auf diesem unbedeutenden kleinen Planeten am Rande der Milchstraße? Es kann doch nicht so kompliziert sein! Was machen die Leute falsch? Was mache ich falsch? Was kann ich tun? Ich möchte etwas tun, sonst halte ich es nicht aus. Das Getummel der Massen ist ellengebogen, alle denken nur an sich selbst. Wir sollten aufeinander acht geben. Wir müssen uns so verändern, dass wir besser miteinander klar kommen. Die Person in der U-Bahn gegenüber von mir denkt sicherlich an ganz ähnliche Probleme wie ich, aber doch treffen wir uns nie wirklich. Es ist immer eine andere Person. Wie kann ich Mitgefühl üben, ohne über andere bestimmen zu wollen oder sie bewerten zu wollen? Ohne sie einzuteilen in Gutmensch und Schlechtmensch? Ohne sie zu analysieren und zu zerteilen? Ohne zu sagen “Die da sind Schuld!” und anderen dadurch zu erlauben, mir die Schuld in die Schuhe zu schieben, die schon die ganze Zeit höllisch drücken?

Wie mache ich das, dass ich die Probleme klar und deutlich sehe, ohne über sie herzufallen? Probleme sind doch echt! Sie sind da! Fast so als könnte ich sie anfassen und mit ihnen hantieren. Aber wo sind diese armseligen und leidenden Menschen eigentlich, denen ich helfen möchte? Kann ich sie fragen, ob sie mein Mitgefühl haben möchten? Oder ob sie ohne es leben können?

Es muss eine radikale Veränderung geben. So radikal, dass es nicht auszuhalten ist. So radikal, dass ich meine, ich hätte mich nicht mehr im Griff. Das Gift muss raus und klar gesehen werden. Es kann nicht im Gemüt und im Leib verweilen, sonst nistet es sich ein und macht es sich bequem im ewigen Sich-Im-Kreis drehen. Wir haben immer die Möglichkeit dazu. Es ist nicht kompliziert und nicht schwer. Es ist wählerischer Natur. Die richtige Wahl für sich selbst persönlich zu treffen ist schier unmöglich. Zu groß die Angst vor der absoluten Einfachheit, auch Nullfachheit genannt. Es wird nicht mehr nachgedacht, abgewogen, analysiert, sondern einfach getan. Das Grundbedürfnis des Menschen ist es nicht, sich gegenseitig abzuschlachten oder auszunutzen. Menschen schlachten sich gegenseitig ab oder nutzen sich gegenseitig aus, wenn sie unzufrieden sind mich sich und Welt, wenn sie eingeschränkt und abgetrennt sind von ihrem eigenen Geist und ihrer eigentlichen Natur. Wir können es niemals wissen, aber wir müssen davon ausgehen, dass die Natur aller Lebewesen in den Grundzügen Gut ist, und zwar jenseits von Gut und Schlecht. Menschen wollen einander nichts böses. Die wollen nur Gutes. Aber wenn sie davon ausgehen, dass nur sie selbst gut sind und andere schlecht, dann sind sie selbst schlecht und alles Gute was sie tun wird verdorben vom zweigeteilten Geist.

Drei

Ich kann nicht glauben, dass ich so einfältig bin. Dass ich da stehe, wo ich stehe, nämlich inmitten von Sträuchern und Verästelungen, wo niemals abzusehen ist, was gleich passiert und welche Sinneswandlung sich vollzieht. Ich weiß nicht mal wer ich bin. Ich weiß nicht mal, wohin es geht und woher es kommt. Ich bin schuldig und schäme mich für meine extreme Dummheit gegenüber denen, die großes geleistet haben. Sie haben losgelassen von all dem Hickhack. Von dem Ich-Getue, von dem Du-Getue. Sie haben abgelassen davon, zu teilen oder zu bemessen. Sie haben abgelassen davon, auf der einen oder der anderen Seite zu stehen. Ich bin schuldig, weil ich mich selbst binärerweise immer wieder hinüberziehe ins eine oder ins andere und dann nur entweder das eine oder das andere sehe. So einfältig bin ich. Aber in wirklichkeit bin ich noch viel einfältiger, nullfältiger Einfallspinsel.

Apokalypse

So tun als wäre nichts, während die Welt in Flammen aufgeht. Stillstehen, während die Schuld mich piesackt. Dem Gegenüber wohlwollend in die Augen sehen, während ich angedonnert werde. Shitstürme und Urinregen gibt es wie Sand am Orgelmanifest. Die Pfeifen spiele von sich selbst eine abgeflachte, fantasielose Medlodie, die der des Regens auf dem Dach gleicht. Das Dach war immer schon zu tief. Es hing mir ins Gesicht, also weg mit dem Dach und weg mit dem Gesicht, das verzerrt durch Meinungen und Erwartungen niemals wirklich Ruht. Zurückziehen sollte man sich, ganz weit und ganz tief, nur zusehen, wie alles gleich bleibt, sich nie verändert hat, tief innen insgeheim hoffend, dass gleichzeitig alles zerfalle, zerreiße, zermürbe, zergleiche was jemals eine Bedeutung getragen hat. Ohne Kontraste ist alles gleich.

Die Schuld, die eigene, die ich mir selbst in die Schuhe reingequetscht habe, weil ich es so wollte, guckt mich traurig und zerfressen an. Sie hat viel und gut gearbeitet. Satt haben wir es alles, aber den Finger darauf zeigen können wir nicht, weil der Finger geradezu ins eigene Herz führt. Der Geist ist unermesslich, und ich bin klein wie ein Staubkorn. Wovor fürchte ich mich, wenn ich doch ein Staubkorn bin in den Breiten und Weiten des Weltenmeeres?

Gefangen gehalten wurden sie für lange, lange Zeit, ohne Grund. Die Scham über das eigene verlogene Dasein hat tiefe Furchen hinterlassen. Errettung gibt es nur schriftlich und gebetlich, aber nicht in dieser Welt. Vergebung dafür, was ich getan habe, gibt es nur im Jenseits, wo weder Göttlichkeit noch Satanstum ihr Wesen und Unwesen treiben. Ich bin Teil vom Ganzen. Das Ganze ist Teil von mir. Das Teil ist ganz vom Teil. Ich bin ganz das Teil. Ganz ist das Teil in mir. Ich bin teilweise ich, ich bin ganzheitlich ich, ich bin nullfältig und unendlich vermessen, wenn ich mich selbst messe.

Hören ertaubt, Sehen erblindet.
Das fahle Pferd ist mein Liebling. Es reitet auf mich zu. Die Scherben liegen vor mir. Es rieselt Scherben auf mein Leib, auf meinem Haupt ist Asche. Ich bin der göttliche Aschenbecher, der überall Kerben hat. Wissen können wir es nie. Was war das wohl? Wo kam das her? Wer war das? Ich kenne die Person. Sehr intim, sehr nah.

Bin das ich?