Die Seele hat die Farbe Deiner Gedanken

Dieser Ausspruch ist mir vor einiger Zeit begegnet. Er wird dem römischen Kaiser Mark Aurel (gelebt zwischen 121–180; auch genannt: Marcus Aurelius) zugeschrieben. Er hat diese Betrachtung in seinem Werk Selbstbetrachtungen (Originaltitel Τὰ εἰς ἑαυτόν [Ta eis heautón]) in Buch 5, Kapitel 16 aufgeführt.

In der Übersetzung von Albert Wittstock lautet die Textstelle:

Nach der Beschaffenheit der Gegenstände, die du dir am häufigsten vorstellst, wird sich auch deine Gesinnung richten; denn von den Gedanken nimmt die Seele ihre Farbe an. (Des Kaisers Marcus Aurelius Antoninus Selbstbetrachtungen, 1986, Reclam Verlag, S.72)

Rainer Nickel übersetzt die Textstelle wie folgt:

Wie du dir gewöhnlich deine Vorstellungen bildest, so wird dein Denken sein. Die Seele wird von den Vorstellungen gefärbt. (Mark Aurel Selbstbetrachtungen, 2010, Artemis & Winkler Verlag, S. 109)

Otto Kiefer wiederum übersetzt dieselbe Stelle so:

Von der Beschaffenheit der Dinge, die du dir am häufigsten vorstellst, wird deine Gesinnung abhängen. Denn die Seele wird von den Vorstellungen gleichsam gefärbt. (Marc Aurel Selbstbetrachtungen, 1906, Eugen Diedrichs Verlag, S.56)

Das letztgenannte Werk ist frei verfügbar, weil das Urheberrcht ausgelaufen ist. Hier der Link dazu bei der betreffenden Textstelle: Link zu archive.org

In allen o.g. Übersetzungen findet sich das Wort Seele. Aber was ist eigentlich eine Seele? Die Frage drängt sich auf, ob Mark Aurel im 2. Jh. ein ähnliches Konzept von Seele hatte wie wir heute. Was auch auffällt, ist der Gebrauch des Wortes Farbe oder färben in Bezug auf die Seele.

Schauen wir mal ins griechische Original. Das lautet wie folgt:

Οἷα ἂν πολλάκις φαντασθῇς, τοιαύτη σοι ἔσται ἡ διάνοια˙ βάπτεται γὰρ ὑπὸ τῶν φαντασιῶν ἡ ψυχή. (Wikisource: Τὰ εἰς ἑαυτόν Buch 5)

Das Wort, das in der Übersetzung gefärbt entspricht ist βάπτεται [báptetai], in der Wörterbuchform βᾰ́πτω [bắptō]. Im Benseler-Wörterbuch (Verlag B.G. Teubner, 1875) findet sich darunter folgender Eintrag:

βᾰ́πτω. eintauchen, tränken. Im Besonderen in Farbe tauchen, färben.

Die erste Bedeutungsebene ist also “eintauchen” oder “tränken”. Im Besonderen dann “in Farbe tauchen”, also “färben”. (Am Rande bemerkt: Das ist das Wort auf das engl. baptise (taufen) zurückgeht, denn urpsprünglich wird man durch Eintauchen getauft.)

Man könnte also übersetzen: “Die Seele wird in die Vorstellungen getaucht” oder “Durch die Gedanken wird die Seele getränkt.”

Nun zum weitaus interessanteren Aspekt – den der Seele. Im Original steht hier ψυχή [psychē]. Von diesem Wort ist das deutsche Wort Psyche abgeleitet. Aber diese moderne Bedeutung ist deutlich verengt. Das griechische Wort ψυχή [psychē] leitet sich von ψυχω [psychō] ab, was hauchen oder blasen bedeutet. Im Wörterbuch ist dies auch also die urspüngliche Bedeutung aufgeführt.

1. Hauch, Atem. 2. Lebenskraft, Leben, 3. Seele, 4. die durch den Tod vom Leib getrennte Seele.Bemerkenswert hier, dass direkt nach der ersten Bedeutungsebene (Hauch, Atem) die zweite Ebene als Lebenskraft, Leben aufgeführt wird. Erst als dritte mögliche Bedeutung wird Seele aufgeführt.

Es wäre also möglich, Mark Aurels Ausspruch nicht nur auf die Seele eines Menschen, sondern auf seine Lebenskraft oder gar sein Leben an sich zu beziehen: “Dein Leben ist getränkt in deinen Gedanken/Vorstellungen.” Diese Übersetzung ist sicherlich etwas überbordend. Aber der Ausspruch erhält dadurch eine gewichtige Bedeutungsebene. Nämlich, dass die Gedanken, die Du hegst, fundamental ausschlaggebend dafür sind, wie sich Dein Leben anfühlt. Ja sogar, dass Gedanken und Vorstellungen mit dem Sich-Anfühlen Deines Lebens untrennbar miteinander verwoben sind.


 

Titelbild: eigene Kreation auf Basis der o.g. Ausgabe von "Selbstbetrachtungen" von Rainer Nickel und eines Bildnisses von Mark Aurelius von Wikimedia Commons